So sieht es aus

Die Lebendigkeit der Innenstädte ist akut bedroht

Die Innenstädte leiden bereits seit einigen Jahren unter Frequenzrückgängen und der Umsatzverschiebung in den Online-Handel. Die Corona-Krise hat durch die langen Geschäftsschließungen die Lage noch einmal wesentlich verschärft. Infolgedessen werden viele Handelsunternehmen in der nächsten Legislaturperiode leider aufgeben müssen, so dass aktuell bis zu 120.000 Geschäftsschließungen prognostiziert werden. Das wird nicht nur die Versorgungsdichte und -qualität für die Bürger*innen vor Ort verschlechtern – auch das Bild unserer Innenstädte wird sich durch zunehmende Leerstände negativ verändern.

Die Herausforderung

City als emotionales und als Zentrum sichern

Innenstädte sind nicht nur zentrale Versorgungspunkte einer Stadt – Innenstädte sind auch die emotionalen Zentren einer Stadt. 78% der Bürger*innen gaben an, dass der Verlust von alteingesessenen Geschäften, auch ein Verlust an Heimat ist. Die Bürger*innen haben daher ein sensibles Gespür dafür, wie sich der auch emotionale Kern ihrer Stadt verändert und sehen eine direkte Abhängigkeit zwischen der Handels- und Stadtentwicklung.
Bisher kommen über 60% der Besucher*innen, weil sie die Angebote der innerstädtischen Geschäfte schätzen.

Daher ist Einkauf die Leitfunktion der Innenstädte und das wesentliche Rückgrat der viel zitierten Urbanität. Keine andere Innenstadtfunktion vermag es, tagtäglich tausende Menschen in die Innenstädte zu bewegen. Viele weitere Bereiche der Innenstädte profitieren von dieser Sogwirkung und sind direkt oder indirekt davon abhängig. Das „System Innenstadt“ leidet daher als Ganzes, wenn attraktive Geschäfte durch Leerstände ersetzt werden.

Zeit zum Handeln

Digitales Leerstandsmanagement für die Stadtentwicklung

Damit es nicht zum dauerhaften, strukturellen Leerstand kommt, müssen die leerstehenden Handelsflächen sofort erfasst und die Wiedernutzungsmöglichkeiten mithilfe eines bundesweit einheitlichen digitalen Leerstandskatasters analysiert werden. Erst dann kann zuverlässig beurteilt werden, wo Handlungsbedarf besteht. Dazu ist zunächst der Begriff des Leerstandes bundeseinheitlich zu definieren, um unsachgemäße Interpretationen des Begriffs zu vermeiden und eine Vergleichbarkeit der städtebaulichen Situationen zu gewährleisten.

Aufgrund der anstehenden Probleme durch zunehmende Leerstände ist es für eine gute Stadtplanung mittlerweile unerlässlich, die Flächenpotenziale im Sinne einer raschen Neuvermietung laufend systematisch zu erfassen und mit Hilfe einer GIS-basierten Software zu visualisieren.

Hierbei ist sofort zu bewerten, ob eine ehemalige Handelsfläche sich für eine nachfolgende Handelsnutzung eignet. Darüber hinaus geht es um einen gesunden Branchenmix. Die Städte müssen aktiver gemanagt werden. Ansonsten ist die Zukunft der Innenstädte in Gefahr.

Die Kommunen sollten dazu regelmäßige Austauschformate mit dem Handel und den Immobilieneigentümern ins Leben rufen. Nur in dieser Kooperation besteht die Chance, die Interessen der Innenstadtakteure im Sinne einer zukunftsfähigen Innenstadtentwicklung auszugleichen und den Sachverstand aus den unterschiedlichen Bereichen zu bündeln. Zudem können sich daraus auch neue Mietmodelle in Bezug auf lokal angepasste Gewerbemieten ergeben, die einen langfristigen Erfolg für eine nachhaltige Innenstadtentwicklung versprechen.

In begründeten Einzelfällen müssten außerdem die bestehenden Möglichkeiten des Vorkaufsrechts in den förmlich festgelegten Sanierungsgebieten ausgeübt werden können, um den Branchenmix abzurunden.

Dabei wird sich die Situation in den deutschen Innenstädten nicht überall in gleicher Art und Weise verändern. Dazu sind die Lage im Raum, die funktionale Ausstattung, die städtebauliche Attraktivität, die Kaufkraft oder auch die Konkurrenz mit den Nachbarorten zu unterschiedlich.
Allen Städten gemeinsam sind jedoch die dynamischen Veränderungen der Gegenwart durch Umsatzverschiebungen in den Online-Handel sowie die Geschäftsschließungen infolge der Corona-Krise. Selbst Großstädte und Metropolen machen sich zunehmend Gedanken über den attraktiven Fortbestand ihrer Stadtteilzentren, die nicht die Ausstrahlungskraft der zentralen Fußgängerzone besitzen. Die Zeit der stillen Beobachtung ist vorbei. Es ist Zeit zum Handeln – jetzt.

Michael Reink
Bereichsleiter Standort- und Verkehrspolitik
E-Mail: reink@hde.de